Werte Filmindustrie

Thursday, March 6. 2008, 13:46
Ich verrate Euch heute ein Geheimnis: Ich bin Kinofan. Musikindustrieboykott, ja, das kann ich mir noch vorstellen. Filmindustrieboykott, dafür wär ich nicht zu haben. Den gelegentlichen Kinoabend, darauf möchte ich nicht verzichten.

Nun, gelegentlich habe ich ein Auge auf diverse Filmportale im Netz. Ein Film wie »No Country for old Men«, auf cinema.de mit »Tipp« bewertet, auf filmstarts.de 9/10 Punkte und momentan Platz 1 der Lesercharts, käme durchaus in die engere Auswahl für einen Kinoabend.

Da ich mich gerade in Murrhardt aufhielt, kamen tendenziell zwei Kinobetriebe in Frage, eben das Murrhardter und die verschiedenen Backnanger. Zunächst, wiewohl cinema.de vollmundig einen Kinotimer für »Alle Kinos in allen Orten Deutschlands!« betreibt, scheint dort die Nachricht, dass es auch in Murrhardt ein Kino gibt, noch nicht angekommen zu sein. Es gestaltete sich als durchaus schwieriger, das Programm ausfindig zu machen. Zwar habe ich dort einen Newsletter abonniert, der jedoch in jüngerer Zeit nicht kam. Die Webseite verschließt sich seit jeher allem, was nicht Internet Explorer heißt. Aber selbst diese Hürde lässt mich ja nicht verzweifeln. Dort fand ich auch die Antwort, weswegen der Newsletter ausblieb (»leider ist unser Newsletter-Verteiler einem Festplattencrash zum Opfer gefallen«), woraufhin ich mich erneut für den Newsletter anmeldete und gleich (bei beiden Seiten) nachfragte, warum auf cinema.de kein Murrhardter Kinoprogramm zu finden ist. Das Programm auf der Webseite hörte jedoch am 27.2. auf, weswegen mir das nicht viel weiterhalf.

Nun, da das Kino in Murrhardt tendenziell eher spärlich mit aktuellen Filmen ausgestattet ist, hielt ich es für eine plausible Annahme, dass der Film dort nicht lief. Etwas mehr überraschte mich schon, dass keines der Backnanger Kinos den Film zeigen wollte. Ich war schon drauf und dran, den ländlichen Kulturbanausen die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, jedoch lag ich damit falsch, wie eine Anfrage beim Backnanger Kino ergab:
Leider hat der Verleih aber zu wenige Kopien gezogen, um alle interessierten Orte beliefern zu können. "Normale" Starts haben eine Kopienzahl von ca. 500-600 Kopien. Backnang ist bereits ab 300 Kopien dabei. Vom gewünschten Film wurden aber gerade Mal 129 Kopien gezogen.

Also, werte Filmindustrie, das Konzept muss man mir nochmal erklären. Zunächst finde ich es ja schon etwas anachronistisch, dass Kinos scheinbar immer noch mit Kopien in endlichen Stückzahlen hantieren (Geheimtipp: Es gibt ultramoderne Technologien, die nennen sich bspw. Bittorrent, die umgehen solche Beschränkungen). Aber da ich vermute, dass es gerade keine Knappheit auf dem Weltmarkt der Rohfilmbänder gibt, nehme ich doch stark an, dass hier irgendein Konzept dahintersteckt. Nur welches, das erschließt sich mir jetzt nicht unbedingt.

Also, wie stellt ihr Euch das vor? Die armen Menschen in ländlichen Regionen sind sicher so geil auf den Film, dass sie lieber 50 Kilometer fahren, weil dadurch das Erlebnis deutlich aufregender wird? Oder eher dass das Warten das Erlebnis noch viel aufregender macht? Nur so als ganz dezenter Hinweis, aber wenn irgendwelche Menschen irgendwo über einen potentiellen Kinoabend beraten, die Tatsache, dass die Hälfte der Anwesenden den Film aus unerfindlichen Gründen schon kennt, trägt nicht unbedingt dazu bei, die Entscheidung zu gunsten des Kinoabends zu treffen. Und die Warscheinlichkeit hierfür steigt enorm, wenn der Film andernorts schon mehrere Wochen läuft.

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Ich verstehe zwar deine Argumentation aber du beschreibst auch schön warum Downloads auf dem Vormarsch sind. Wenn ich den Transportfaktor für ein halbes dutzend Leute zusätzlich zu den ohnehin schon erheblichen Kosten für den Kinobesuch hinzurechnen muss, dann wird die Videothek um die Ecke oder die welche 6Mbit weit weg ist gleich attraktiver. Ich wäre eher mal dafür eine offene Kinokultur an den Start zu bringen. Irgend eine legale Lösung um mit bezahlbarem Equipment, auf viele Standorte verteilt, neue Filme zeigen zu dürfen. Und gerade in einer Zeit in der Volldigitale Kinos auf dem Vormarsch sind kann dieses "Kopien"-Argument seitens der Verleiher einfach nicht mehr gelten. Sorry aber dann lieber Kopfhörer und DSL als Popcorn am Hinterkopf und "Wer war denn das nochmal" aus der Reihe davor. Wenn ich mir ein HD-DVD image innerhalb von ein paar Stunden aus dem Netz ziehen kann, dann kann man mir auch die Möglichkeit geben so ein Image für eine Gebühr vorzuführen.

Das Problem ist nicht das wie, das Problem ist mal wieder (von der Industrie verursacht) das wieviel.
#1 Markus on 2008-03-06 19:14
Was das Filmmaterial angeht... dir ist aber schon klar, von welchen Mengen wir hier reden, oder? Bei einem 35mm-Film ist ein Bild ca. 2 cm hoch, davon gibt es 24 pro Sekunde. Macht bei einem 120-Minuten-Streifen ca. 3500 Meter Film, die auch heute noch Bild für Bild kopiert werden müssen! Das Zeug wiegt einiges (spreche aus Erfahrung ;-), muss gelagert, transportiert und nach dem Auslaufen des Films größtenteils wieder vernichtet werden. Dazu kommt, dass heute deutlich mehr Filme produziert werden als früher, selbst die Multiplexe sortieren schneller wieder aus. Bei einem Film, dessen Erfolg fraglich ist, produziert man deshalb vorsichtshalber etwas weniger. Dass dieser Film den Oscar einheimst hat ja keiner ahnen können *g*.

Einige Filmstudios (z.B. Lucas) wollen ja schon länger den Vertrieb digitalisieren. Entsprechend hochauflösende Beamer sollten inzwischen zur Verfügung stehen. Doch für die Kinos bedeutet dies gigantische Investitionen, die angesichts der fallenden Besucherzahlen schwer fallen. Ich denke, es würde sich durchsetzen, wenn die Verleiher den daraus resultierenden Preisvorteil 1:1 an die Kinos weitergeben würden, aber daran denken die natürlich nicht. Dazu kommt noch das Problem der Raubkopien. DTS-CDs kommen heute kaum noch zum Einsatz, da sie sich viel zu leicht kopieren lassen (und häufig in den Kinos vergessen worden sind). Der komplette Film digital auf einem Computer? So schnell könnte man garnicht "ton ab" sagen, wie das Ding im Internet wäre. Die Lösung wären individuelle Watermarks oder DRM, die jedoch auch die individuelle Verteilung des Films an jedes Kino erfordern würden. Eine Shared-Traffic-Methode wie BitTorrent kommt dann nicht in Frage. Das bedeutet wiederum, dass die Verleiher verdammt hohe Bandbreiten zur Verfügung stellen müssten, denn es startet ja nicht nur ein Film pro Woche und es gibt tausende Kinos, die das Material jeden Donnerstag pünktlich zur ersten Vorstellung herunterladen möchten. Ui, und man stelle sich dann vor, nicht Google wäre stundenlang unerreichbar gewesen sondern der Fileserver!

Wenn sich digitale Lösungen in nächster Zeit durchsetzen sollten, dann wohl nur in der Form, dass die Filme auf Blueray oder HD-DVD an die Kinos gehen. Und aufgrund der hohen Investitionen wohl auch wirklich nur dann, wenn der Preisvorteil weitergegeben wird und so wieder mehr Besucher kommen.
#2 Randalf on 2008-03-06 22:10
Ich weiß nicht, wo in der Kette der Filmindustrie du drin hängst, aber dein Posting irritiert mich grade ziemlich.

Also das mit dem "Da würde der Film aber ganz schnell im Intenret stehen" find ich ja ein super Argument. Wie weit hinterm Mond muss man leben um zu glauben, dass sich dieser Status vermeiden lässt? Es IST so. Es ist seit Jahre so. Wenn ich einen Film gucken will, treffe ich die Entscheidung, ob ich den aus dem Netz lade oder im Kino anschaue. ich treffe die Entscheidung. Nicht die Filmindustrie. Ich entscheide mich in ganz vielen Fällen für's Kino. Nicht weil ich den Film im Netz nicht finde sondern weil ich ins Kino gehen will.

Es ist zwar immer dasselbe, aber es scheint nach wie vor so zu sein, dass hier eine ganze Branche komplett auf das falsche Geschäftsmodell setzt. Ich bin echt irritiert...
#2.1 Bernd (Link) on 2008-03-22 10:39
Ich häng ganz am Ende drin, zwischen Kinochef und Zuschauer ;) Natürlich ist es schon heute so, dass die Filme sehr schnell im Netz sind. Meistens allerdings abgefilmt, und je nach Quelle in mehr oder weniger guter Qualität. Würde der Film digital in die Kinos wandern, dann wäre das abfilmen garnicht mehr nötig und der Film könnte schon vor der ersten Vorführung seinen Weg in bester Qualität ins Netz finden.

Natürlich ist mir klar, dass man das Internet nicht mehr verhindern kann und Wege suchen sollte, sich anzupassen. Aber nicht unbedingt allen Entscheidern... und deshalb kann es nicht schaden, deren Gedankengänge nachzuvollziehen.
#2.1.1 Randalf on 2008-03-22 13:56
Mal ein Erklärungsversuch:

Es ist ja (denke ich) bekannt, dass manche Filme derart saumäßig schlecht sind, dass sie nicht nur gleichzeitig auf der ganzen Welt starten müssen (damit schlechte Kritiken nicht die Besucher versauen) - daher auch das für die Industrie extrem wichtige "Startwochenende"; Da kann ein Film noch Wochen hinaus Millionen einspielen, das Startwochenende zählt trotzdem ganz beträchtlich.

Vielleicht hat dein Problem einen ähnlichen Grund? Schlechter Film = Möglichst schnell und früh absahnen = Viele Kopien
Guter Film = Hält sich über Wochen ertragreich = Wenige Kopien, damit die Leute noch heißer sind, weil sie nie reinkommen.
#3 Sebastian (Link) on 2008-03-18 12:29

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